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Die Zahlen, so scheint es, sprechen für sich. Die Wirtschaft des Landes, zu deren wichtigsten Exportartikeln Textilien, Düngemittel, Phosphate und elektromechanische Güter gehören, wächst seit Jahren um vier bis sechs Prozent. Der Bevölkerungsanteil unterhalb der Armutsgrenze sank von 13% im Jahr 1980 auf beeindruckende 2,2%. Zudem investiert der Staat, der angesichts vergleichsweise geringer Rohstoffvorräte dringend auf die Ressource Mensch angewiesen ist, jährlich mehr als ein Fünftel seines Etats in Bildungsaufgaben. Stolze 80% der Tunesier, so die offiziellen Statistiken, gehören heute zur Mittelschicht, etwa ebenso viele besitzen Wohneigentum, und noch einmal 80% sind von der Kranken- und Sozialversicherung erfasst. Eine renommierte Wirtschaftsstudie klassifiziert Tunesien als derzeit wettbewerbsfähigstes afrikanisches Land und stuft es im internationalen Vergleich auf Platz 30 von insgesamt 125 untersuchten Volkswirtschaften ein. Dadurch nimmt es den Rang eines Schwellenlandes ein und hofft, durch ein 1995 unterzeichnetes Assoziationsabkommen mit der Europäischen Union (EU) in den Kreis der Industrienationen aufzusteigen.
Das drängendste Problem Tunesiens liegt jedoch in seiner politischen Situation. Die demokratische Verfassung ist ungeachtet gegenteiliger Behauptungen der Staatsführung Fassade, der Regierungsstil von Präsident Zine El Abidine Ben Ali trägt diktatorische Züge. Seit der ehemalige Militäroffizier und Geheimdienstchef 1987 seinen charismatischen Vorgänger Habib Bourguiba abservierte, lässt er sich in turnusmäßig durchgeführten Wahlen mit über 90% der Stimmen wiederwählen. Dabei bedient er sich statt plumper Wahlfälschung einer Reihe von indirekten, dafür aber umso effektiveren Mitteln zur Beeinflussung des Ergebnisses. Dazu gehört die Allgegenwärtigkeit der Regierungspartei RCD (Rassemblement Constitutionnel Démocratique) ebenso wie das für kleine Parteien nachteilige Mehrheitswahlrecht sowie eine strikte Medienzensur. Das Ausmaß der Manipulation verrät sich auch darin, dass den legalen, obendrein vom Staat finanzierten Oppositionsparteien unabhängig vom tatsächlichen Wahlausgang eine festgelegte Anzahl von Parlamentssitzen zugebilligt wird. Dies alles geschieht im Namen einer angeblichen Politik des „nationalen Konsenses“. Regimekritiker setzen sich der Gefahr unterschiedlicher Formen der Repression bis hin zu Gefängnisstrafen aus. Den wachsenden religiösen Bedürfnissen der Bevölkerung begegnet der laut Verfassung laizistische Staat u. a. dadurch, dass er neue Moscheen baut. Kompromisslos dagegen zeigt sich die Regierung im Umgang mit dem politischen Islam. So berichten tunesische Anwälte, dass seit 2003 Hunderte von Menschen willkürlich verhaftet wurden, weil ihnen Verbindungen zu terroristischen Vereinigungen vorgeworfen werden.
Die Zukunft Tunesiens hängt wesentlich von seiner politischen Wandlungsfähigkeit ab. Dieser Prozess muss nicht unbedingt konfrontativ verlaufen. Als hilfreich könnte sich dabei das Werk des großen, 1332 in Tunis geborenen islamischen Philosophen Ibn Khaldun erweisen. Seine Theorie vom Aufstieg und Fall der Zivilisationen enthält viele Einsichten, die noch heute Gültigkeit haben und übrigens auch von westlichen Politikern gern zitiert werden. Überdies manifestiert sich in seinen Schriften eine Tradition der rationalen Auseinandersetzung, die die Tunesier bis in die Gegenwart prägt. Nicht umsonst sagte der Menschenrechtler und Rechtsanwalt Mohammad Abbou nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis im August 2007: „Das tunesische Volk setzt bekanntermaßen auf Versöhnung, auch wenn ihm die Demokratie vorenthalten wird, und dies, obwohl es alle Voraussetzungen erfüllt, um in einer Demokratie zu leben.“
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