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REISEFINDER
LANDESKUNDEFläche: 1.650 000 qkm
P. Loti , Nach Isfahan
“Um uns herum ist nichts, was die unendliche Ausdehnung der Dinge dem Blick verbergen könnte. Wir brauchen nur die Augen zu öffnen, um uns der schwindelnden Höhe bewußt zu werden, zu der uns unser ansteigender Ritt durch die vielen Hohlwege, an den vielen Abgründen vorbei und während so vieler Nächte, geführt hat; wir haben in einem Adlernest geschlafen, denn wir überragen die Erde. Zu unseren Füßen ergießt sich ein Gewirr von Gipfeln, die einst alle von kosmischen Stürmen nach ein und derselben Richtung gebeugt wurden. Ein grelles, allbeherrschendes, ein schreckliches Licht fällt von einem Himmel herab, der sich noch nie zuvor so tief offenbart hat; es überflutet die vielen sich neigenden Berge, und mit der gleichen Deutlichkeit, so weit das Auge auch reicht, hebt es die einzelnen Formen der Felsen, die ungeheuren Kämme hervor. Zusammen, und von dieser Höhe aus gesehen, scheinen die scharfen und wie vom Winde gebeugten gipfel in ein und derselben Richtung zu fliehen, sie gleichen einer riesigen Welle, die auf ein Meer von Steinen gehoben ist, und so täuschend ist diese Bewegung nachgeahmt, daß man sich fast von soviel ruhe und Schweigen verwirrt fühlt. ... Und nirgends sieht man ein Zeichen von Leben, keine menschliche Spur, nichts, was Wald oder Gras verkünden könnte, einsam stehen die Felsen hier und herrschen, und wir schauen auf den Tod hinab, aber auf einen hell glänzenden, leuchtenden Tod ...” (im Zagros-Gebirge)
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„Wenn du es kannst, so sei großmütig wie die Palme, kannst du es nicht, so sei wie die Zypresse frei.“ Die Menschen im heutigen Iran nehmen ihren mittelalterlichen Dichterfürsten Saadi beim Wort. Noch leben sie ihre persönliche Freiheit hinter verschlossenen Wohnungstüren – dort, wo weder Meinungs- noch Alkoholverbot herrscht, wo der Schleier straflos fällt, niemand ein geschminktes Gesicht für verwerflich hält. Doch gerade junge Iraner stellen zunehmend auch öffentlich die Legitimation der selbsternannten religiösen Sittenwächter in Frage. Deren Machtanmaßung von Gottes Gnaden findet in der langen Geschichte des Landes keine Parallele. Der Vielvölkerstaat, in dem die Perser heute nur wenig mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, nimmt bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. Gestalt an und erlangt etwa unter den Achämeniden wiederholt Großmachtstellung, bevor er unter dem Khalifat der Abbasiden in mehrere Lokaldynastien zerfällt. Die Safawiden führen im 16. Jahrhundert die bis heute bestimmende Shi’a-Glaubenslehre ein. Im frühen 19. Jahrhundert wird das Land zum Spielball europäischer Großmächte: Rußland drängt in zwei Kriegen von Norden heran, England nutzt seine Handelsstützpunkte zur Kontrolle des Südens. Die skandalöse Korruption der offiziell regierenden Qajaren-Dynastie provoziert 1905 eine Konstitutionelle Revolution, die ein Parlament und eine neue Verfassung erzwingt. Vier Jahre später entfachen Spannungen zwischen bürgerlich-demokratischen und religiös-konservativen Kräften einen Bürgerkrieg, den Russen und Briten in bewährter kolonialer Manier durch eine Invasion und die Einsetzung einer willfährigen Regierung beenden.
Seit dem erdrutschartigen Sieg der Reformkräfte bei den Kommunal- bzw. Parlamentswahlen 1999 und 2000 versucht das konservative Lager mit immer drastischeren Mitteln, diese erneute, bislang friedliche Revolution zu ersticken. Doch die Menschen haben ihre Angst verloren: Politische Morde beantworten sie mit Demonstrationen, die Opfer der Staatsgewalt machen sie zu Idolen, und das Verbot einer Zeitung zieht umgehend die Gründung einer neuen nach sich. Niemand im Land trauert der Schah-Zeit nach. Immer mehr jedoch sehen in der Islamischen Republik eine Fortsetzung der Unterdrükkung mit anderen Mitteln. Der Iran ist — einmal mehr — im Aufbruch. Es gibt derzeit wohl kein spannenderes Land im Mittleren Osten.
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